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Freddie
In
Memoriam
Ansa

letzte änderung am 23. februar 2003
 

... war eigentlich der erste hund, den ich wirklich bewußt erlebt habe. sie gehörte meiner tante und kam auf deren hof, als ich ca. 4 jahre alt war. sie hatte sehr unter dem kleinkind zu leiden, das an ihren ohren gezogen hat, in ihre nase gepopelt hat und die lange rote zunge unbedingt näher betrachten wollte...

ür die damalige zeit war Ansa ein normaler schäferhund, auf den hundeausstellungen der heutigen zeit wäre sie der absolute lacher. sie war noch nicht so elegant langgestreckt wie die schäferhunde heutzutage, sondern irgendwie kürzer, viereckig fast. die schnauze war stumpf im vergleich zu den langezogenen nasen der heutigen schäfers. und sie hatte einen geraden rücken - ohne jegliche HD! sie war ruhig, ausgeglichen und durch nichts zu erschrecken, außer durch gewitter. ich erinnere mich an einen tag, als sie durch das geschlossene küchenfenster hereinkam vor angst. sie war irgendwann mal zusammen mit herrchen wasser vom brunnen im hof holen gewesen und dabei waren beide offenbar vom blitz „gestreift“ worden. man hatte sie bewußtlos im hof liegend gefunden, auf einer körperseite das fell total abgesengt. durch Ansa weiß ich, wie der deutsche schäferhund war und sein kann. sie war durchaus nicht harmlos, aber sie hatte nicht dieses unberechenbare, nervöse vieler moderner schäferhunde.
 

ansa und ich 1964 hp


meine ferien habe ich als kind oft die sommerferien auf dem hof meiner tante verbracht. Ansa schlief dann neben meinem bett (sehr zum verdruß von herrchen) und wir sind ganz früh zusammen losgezogen, oft kurz nach sonnenaufgang und erst spät in der nacht wieder heimgekommen. keiner brauchte um mich damals angst zu haben, denn dieser hund war ein guter schutzengel (obwohl ich heute zugeben mus, dass es etwas leichtfertig gewesen ist, ein kleines kind mit einem großen hund alleine losziehen zu lassen). ich habe diesen starken bodyguard an meiner seite genossen und kein erwachsener hätte es gewagt, mich auch nur krumm anzusehen.

es gibt eine, wie ich finde, hübsche geschichte aus dieser zeit (meine mamma war da immer anderer meinung): irgendwann haben mich meine eltern gesucht, weil sie heimfahren wollten und ich war nicht aufzufinden. nach langer suche hat man mich dann entdeckt: in der hundehütte, zusammen mit dem hund. rausholen hat man mich nicht können und freiwillig bin ich erst nach längerer zeit rausgekommen, als ich ausgeschlafen hatte. Ansa hat keinen an mich rangelassen.

über viele jahre hinweg waren wir die besten freunde.

irgendwann kam dann eine zeit, in der ich andere interessen hatte als einen inzwischen alt gewordenen hund – ich schäme mich so sehr dafür ....

und dann war sie eines tages nicht mehr da. es hieß nur ganz beiläufig, dass die tot sei, sie war schließlich schon alt gewesen und ich habe es genauso beiläufig zur kenntnis genommen ...

ich habe mir damals keine größeren gedanken darüber gemacht. DIE sind erst im laufe der jahre gekommen und sie gehen nicht wieder. ich habe so ein schlechtes gewissen, dass ich sie einfach aus meinen gedanken gestrichen hatte. sie hat immer gewartet und wenn wir mit dem auto in die straße eingefahren sind, hat sie im haus oder im hof angefangen zu toben. wenn wir abends wegfahren wollten, saß sie schon im fußraum des beifahrersitzes und war nur mit gewalt dazu zu bringen, auszusteigen.

Ansa hat es in ihrem leben sicherlich – nach heutigen maßstäben – nicht gut gehabt. damals war es gang und gäbe, dass hunde an der kette hingen. erzogen wurden sie meist hart, mit endlos-kettenwürgern, leinenrucken und schlägen. zu fressen bekam Ansa das, was vom tisch übrigblieb oder sie konnte mit den schweinen aus dem trog fressen und ab und zu gab es einen knochen. dabei muss ich sagen, dass sie es hätte viel schlimmer treffen können. ihre menschen waren wohl noch von der netteren art und sie hing nicht an einer 2 m kette sondern sie hatte ein sogenanntes laufseil - ein dünnes drahtseil - das in ca. 2,5 m höhe quer über den hof gespannt war und in das die kette eingehängt war. so konnte sie sich relativ frei über den ganzen hof bewegen. sie hatte auch einen zwinger, dessen türe aber meist offenstand. sie hat oft junge gehabt, denn das geld, das damit zu verdienen war, war ein schönes zubrot für einen mondscheinbauern. tierarzt? doch nicht für einen hund! den tierarzt holte man für die milchkühe, oder für die zuchtschweine – und auch nur dann, wenn man alleine nicht mehr weiterkam und das tier zu sterben drohte. sie hat alle ihre jungen alleine geboren und aufgezogen ohne das gute futter und die zusätze, die heute gang und gäbe sind.
 

ansa birnbaum hp03


Ansa war ein wunderbarer hund. sie konnte – nach heutigen maßstäben – nichts. sie hat kein einziges „kommando“ beherrscht, hatte keinen „appell“. sie konnte nicht fußlaufen, kein pfötchen geben (oder doch - ich weiss es nicht mehr). sie machte kein sitz oder platz, sie war einfach nur da. einer dieser dorfköter der damaligen zeit, ende der 50er jahre bis in die 60er hinein. aber sie hat instinktiv ihre arbeit beherrscht. sie konnte z.b. ein bestimmtes huhn aus der hühnerschar herauspicken und – ohne es zu verletzen – zu meiner tante bringen. sie hat die schweine und die kühe zusammengetrieben, wenn sie einmal in der woche in den hof gelassen wurden während ihr stall gemistet wurde. sie hat haus und hof bewacht auf ihre eigene art, die ich bei den modernen schäferhunden so vermisse: Ansa war nahezu unsicht- und unhörbar. sie hat nur ganz kurz angeschlagen, wenn sie gefahr vermutete. sie hat jeden auf den hof gelassen und keinen wieder raus. es gibt die schöne geschichte vom pfarrer, der in abwesenheit meiner tante auf den hof gekommen war und dann 3 stunden in sengender sonne strammstehen musste und sich kaum bewegen durfte. sobald frauchen wieder zuhause war, durfte der herr pfarrer den hund sogar wieder streicheln.

wenn ich mich heute zurückerinnere, erscheint es mir manchmal, als sei es erst vorgestern gewesen, dass ich sie kennengelernt habe:

wir sind mal wieder nach Bischwind gefahren, wie fast jedes wochenende. ich kleiner pimpf bin damals immer sofort in die wohnküche gelaufen, habe mich auf die eckbank gesetzt und die füße hochgezogen, denn unter der eckbank saß zu der damaligen zeit immer der nachbarhund – einer dieser unendlich vielen spitzmixe, Scholli hieß er, wie so viele dieser art hunde (der Freddie wäre früher ein richtig guter Scholli gewesen). mein onkel kam in die küche und hat gefragt, ob wir denn schon seinen neuen hund gesehen hätten (der alte, ein schäferhundrüde Arko, war ein paar monate zuvor vom jäger erschossen worden, als mein onkel mit ihm über sein feld gegangen war (an der kette!). als wir verneinten, zog er unter der eckbank ein total verängstigtes fellbündel vor, das auch gleich ein pfützchen machte – ANSA. wir zwei kinder haben sofort miteinander gespielt und uns ineinander verliebt. damals war Ansa wohl so um die 7 – 8 wochen alt ...

Ansa hat mich viel gelehrt, sie hat sich respekt verschafft und war doch immer sanft und duldsam zu mir. ich habe von ihr gelernt, dass ein hund ein eigenständiger charakter ist, mit einem eigenen willen und trotzdem ein guter kumpel sein kann. ihr habe ich zu verdanken, dass es die diskussion, ob ein tier gefühle oder schmerzen empfindet und freude, für mich nie gegeben hat ...

soviele schäferhunde ich nach ihr noch kennengelernt habe - meine tante hatte ja noch etliche andere, oft mehrere gleichzeitig - keiner war wie sie.

 

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